Predigt von P. Dr. Schulken im Gottesdienst am
Ewigkeitssonntag, 23.11.2014, St. Johannes Arsten
Man hört es nicht – aber das ist Musik im Angesicht des Todes.
Gioacchino Rossini war siebzig Jahre alt, als er diese Musik geschrieben hat. Er war krank, und er wußte, daß er sterben muß in nicht allzu ferner Zeit. Ein Adliger hatte ihn gebeten, eine Messe zu komponieren zur Einweihung der Kapelle seines neuen Hauses in Paris. Mehr als dreißig Jahre hatte Rossini nur noch für sich komponiert, keine Oper mehr, nichts mehr für die große Bühne. Eine einzige Ausnahme gibt es, auch ein geistliches Werk, ein Stabat mater, eine Passionsmusik, in der Maria den Tod ihres Sohnes beweint. Ansonsten aber hatte er gelebt, ein mondänes Leben im Licht des Erfolges, den er zuvor mit seinen vierzig Opern gehabt hat, und des Wohlstands, den sie ihm eingespielt haben. Rossini – ein Grandseigneur des Glücks, ein Bonvivant, ein Genießer, der gern aß und fulminant kochte, ein Humorist, der die grenzenlose Verehrung mit Selbstironie abblitzen ließ und dafür erst recht verehrt wurde, eine Frohnatur, die aber auch schwere Depressionen kannte.
Und jetzt also eine Messe, eine Vertonung des Gottesdienstes in seiner überkommenen Form. „Credo“ – „ich glaube“, rufen erst die Männer, dann die Frauen, dann beide gemeinsam am Anfang des Stückes, das wir gerade gehört haben. Markant, irgendwie betont, ausdrücklich. Ganz am Ende werden sie es noch einmal singen – ausrufen. Musik im Angesicht des Todes – nicht mehr Opera buffa, komische Oper, Geschichten und Geschichtchen um Liebe, Macht und Intrigen, Empfindungen und Empfindlichkeiten, das ganze Gewirr menschlicher Leidenschaften, sondern ein Bekenntnis. „Ich glaube.“
Im Angesicht des Todes – da steht auch Ihr heute noch einmal, die Ihr im vergangenen Jahr Abschied von einem lieben Menschen genommen habt. Ihr werdet den Sarg oder die Urne noch einmal vor Euch sehen, hier vorn haben sie gestanden, Menschen, die Euch teuer gewesen sind. Und wir alle sind hier, um mit Euch daran zu denken. Vor allem aber sind wir hier, um dem etwas entgegenzusetzen: „Credo“ – „Ich glaube.“ Vielleicht heute nicht so markant, betont, ausdrücklich. Immerhin – auch Rossinis Musik im Angesicht des Todes ist nicht für die große Bühne geschrieben, keine Messe für die Masse. Eine „kleine Messe“, mit schmaler Besetzung, ohne Pauken und Trompeten, woran gerade die italienischen und französischen Messkompositionen des 19. Jahrhunderts nicht sparen. So wird auch Euer Bekenntnis heute, im Angesicht des Todes wohl nur in kleiner Besetzung daherkommen, eher still, vielleicht sogar zaghaft. Aber doch irgendwie vernehmlich, jedenfalls für Euch selbst. „Ich glaube.“
Wie ist es, dies Bekenntnis? Rossinis musikalisches Glaubensbekenntnis klingt, wie alle seine Musik klingt. Es spricht die Sprache, die ihm teils in die Wiege gelegt war, teils anerzogen und gelernt von anderen, teils selbst erarbeitet und immer weiter entwickelt. Es ist seine persönliche Opernsprache. Dann doch mal theatralisch, mal gefühlig, mal triumphal, mal sentimental, Belcanto in den Stimmen und klarer Rhythmus in den Instrumenten, um die Melodie zu strukturieren. So sprechen auch wir im Angesicht des Todes: wie im Leben, wie es uns gegeben ist und wie wir es gelernt, wie Charaktere und Erfahrungen sich eben in unserem Fall gemischt haben, so ehrlich auch und offen oder eben so verängstigt, so scheu, so unehrlich auch. So sehen wir uns im Angesicht des Todes noch einmal vor uns, so wie wir uns zu leben angewöhnt haben, wie in einem Spiegel, ja, wie in einem Brennglas. So konntet Ihr Eure Verstorbenen vielleicht noch einmal erkennen, als sich der Tod ankündigte. So werden wir uns alle sehen können, wenn wir uns nicht einfach davonstehlen, wenn wir dem Tod offenen Auges gegenübertreten wollen.
Der Sprache, dem Tonfall nach ist Rossinis Bekenntnis höchst persönlich, der Tod kehrt es erst recht hervor. Dem Inhalt nach aber ist es traditionell, sachlich, geradezu unpersönlich. „Ich glaube“ -, ja ich, so wie kein anderer glaubt. Aber ich glaube nicht irgendetwas, nicht an irgendjemanden, der uns irgendeinen Trost verspricht. Die Messe zitiert den Glauben der alten Kirche, Worte aus dem fünften Jahrhundert, über die Generationen weitergetragen, immer wieder aufs neue wiederholt in den Gottesdiensten der Kirche. Rossini war kein kirchenfrommer Mann. Aus Lehren und Dogmen hat er sich nichts gemacht, daran vermutlich eben die gleichen Zweifel gehabt, die auch unter seinen Zeitgenossen in Mode waren. Aber als alter Mann erinnert er sich an die ersten Prägungen und Formen des Glaubens, kehrt zurück zu den Zuneigungen und Bindungen, in denen er groß geworden ist. Der Text wird nicht verändert oder korrigiert. Er wird genommen, wie er ist. So entfaltet sich seine Bedeutungsfülle. Sie ist über allen Zweifel erhaben. Und sie verträgt auch feine Ironie: Die Tempobezeichnung lautet „Allegro Cristiano“, christlich schnell. Der alte Text macht das persönliche Bekenntnis möglich. Er gibt dem Glauben des Ich Kraft, Form, eine Grundlage, auf der sich stehen läßt.
Habt Ihr Euren Glauben vergessen im Laufe des Lebens? Ist er unter die Räder des Zweifels geraten? So vieles drängt sich in den Vordergrund, beschäftigt und begeistert uns, befeuert unsere Leidenschaften, bindet unsere Interessen. Unser Leben wird darüber mit ein bißchen Glück eine Opera buffa, ein fröhliches Stück, das uns glücklich macht und vielleicht auch dankbar, das uns auf jeden Fall ausreichend beschäftigt. Da muß der Glaube warten mit seinen alten Formeln, seinen verschlüsselten Botschaften.
Aber der Glaube kann auch warten. Er hat seine eigene Zeit. Und er begibt sich nicht in Konkurrenz zum Glück dieses Lebens. Er will nichts verdrängen. Er steht einfach bereit, daß wir wieder in ihn einfallen und ihn mitsprechen. Und da wird der Tod zum Anlaß, vielleicht ja für auch Euch im letzten Jahr, und vollbringt dann doch noch ein gutes Werk. Er ruft den Glauben in Erinnerung und zeigt uns seine Kraft.
Und das hat seinen Grund. Die Geschichte, die er erzählt in seinem zweiten, seinem wichtigsten Teil, ist keine komische Oper. Aber sie ist doch das gerade Gegenteil einer Trauermusik. Diese Geschichte erzählt das Leben selbst, verschlüsselt und doch offenbar in dem Menschen, an dem der Glaube hängt. „Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist und ist Mensch geworden.“ Ja, das Stück, das hier gespielt wird, versammelt alle Affekte, die das Leben kennt. Und es ist auch noch nicht zu Ende, wenn wir verstummen, wenn nicht das Leben und sein Glück, sondern der Tod und sein Elend Zweifel in unser Herz streuen, ob ein Gott im Himmel ein Auge hat für uns Menschen hier auf Erden: „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden.“ Rossini schreibt dazu eine weiche, fast gefällige Musik. Gewagt! Aber auch das ein Bekenntnis: Der Glaube macht das Schwerste leicht.
Wir werden das heute nicht hören, der Chor hat es noch ausgespart. Carola Mühlenweg und ich haben gedacht, daß das am Ewigkeitssonntag seinen guten Sinn haben könnte. Das Schwerste wird nicht so ohne weiteres leicht. Wir werden jetzt gleich unserer Toten des vergangenen Jahres gedenken. Und das wird die Stelle des Todes ausfüllen, an der für den Glauben nur noch ein Name steht und kein anderer mehr: Jesus Christus. Erst am Ende des Gottesdienstes werden wir in den Glauben der Kirche wieder einsteigen und hören, worauf alles hinausläuft: „Er ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.“ Das letzte Stück des Glaubensbekenntnisses ist dann groß auskomponiert: „Wir erwarten das Leben der kommenden Welt.“ Und ganz am Ende heißt es eben noch einmal, wie am Anfang, knapp und markant: „Credo – ich glaube“.
Kurz vor seinem Tod kam nach katholischem Brauch der Priester zu Rossini, um ihm die Sterbesakramente zu reichen. Er wollte ihn, wie es üblich war, nach seinem Glauben befragen. Rossini aber unterbrach ihn umgehend: „Hätte ich das Stabat mater und die Messe schreiben können, wenn ich nicht gläubig gewesen wäre? Also, ich bin bereit. Lassen sie uns anfangen.“
Solche Bereitschaft sei uns allen geschenkt
im Angesicht des Todes. Amen.